„Wir erlauben uns, selbst zu denken“

8. Januar 2018
Akten, Auszeichnungen und Familienfotos: Werner Asmus in seinem Büro in Wallsbüll. - Foto: Gero Trittmaack

Akten, Auszeichnungen und Familienfotos: Werner Asmus in seinem Büro in Wallsbüll. – Foto: Gero Trittmaack

Werner Asmus bestand darauf, das Gespräch in seinem Büro ins Wallsbüll zu führen, obwohl seine Frau abgeraten hatte: Zu unaufgeräumt sei es da, mit Spinnenweben an der Decke und fast blinden Fensterscheiben. Doch dem Bürgermeister fehlte es nicht an Durchsetzungsvermögen. „Wir wollen doch über meine Amtszeit sprechen“, sagt er zur Begrüßung, „und hier hat sich doch fast alles abgespielt. Nicht schön, aber authentisch.“

Die Alternative wäre das schmucke Reetdachhaus in Enge gewesen, in dem die Familie seit 20 Jahren ihren Nebenwohnsitz hat – aber die Heimat ist immer noch Wallsbüll, wo Werner Asmus geboren wurde – wie auch schon sein Vater und sein Großvater. Und er hat seine Heimatgemeinde in den vergangenen 40 Jahren geprägt – zunächst acht Jahre als Gemeindevertreter, danach 32 Jahre als Bürgermeister. Jetzt will er das Amt nicht mehr weiterführen. „Man muss aufhören, bevor man sich lächerlich macht“, sagt er lächelnd. Und in dem Bewusstsein, dass er davon noch ziemlich weit entfernt ist.

Werner Asmus blickt zufrieden und mit einigem Stolz auf „seine“ Gemeinde: „Es läuft in Wallsbüll. Wir haben zwar keine nennenswerten Gewerbesteuer-Einnahmen, aber wir leben ganz gut mit dem Anteil an der Einkommenssteuer. Wir haben Altenwohnungen gebaut, es gibt zwei Kitas, einen Frisör, einen Tante-Emma-Laden einen Dorfkrug, einen Blumenladen, eine Bäckerei und die Gemeindestraßen sind in Schuss. Und in der Gemeindevertretung sind wir uns fast immer einig.“

Das war nicht immer abzusehen. Den Bürgermeisterposten eroberte Werner Asmus 1986 mit Hilfe des SSW und amtierte danach vier Jahre lang ohne eine Mehrheit in der Gemeindevertretung. Für ihn eine schwierige, aber auch prägende Zeit. „Es gab damals Nächte, in denen ich vor Bauchschmerzen nicht schlafen konnte, weil wieder eine Sitzung anstand. Es war teilweise schlimm, aber ich habe an meinen Prinzipien festgehalten: Alle mitnehmen, alle respektieren, klare Worte, keine Tricks. Damit bin ich immer gut gefahren. Nach den vier Jahren hatte ich mir das Vertrauen erarbeitet und bin seitdem immer ohne Gegenstimme wiedergewählt worden.“

Und es entwickelte sich in Wallsbüll eine ganz besondere Stimmung. „Wir setzen uns zusammen und haben unheimlich viel Spaß daran, unserer Phantasie freien Lauf zu lassen – so richtig rumzuspinnen. Und dabei kommen dann gelegentlich richtig kreative Sachen heraus.“ Und auch eine Stimmung, die Asmus als „Wagenburg-Mentalität“ bezeichnet. „Wenn jemand uns etwas vorschreiben will, dann halten alle zusammen und gehen gemeinsam gegenan.“ Asmus will das nicht als generelle Verweigerungshaltung verstanden wissen, sondern eher als Widerstand gegen Ungerechtigkeiten.

Als Beispiel nennt er den Austritt aus dem Amtsfeuerwehrverband: In den Radkästen des alten Wallsbüller Ford Transit nisteten schon Vögel, ein neues Fahrzeug aber gab es nicht. „Und das obwohl wir halb so viel im Amt eingezahlt haben wie Lindewitt mit seinen fünf Wehren und fast fünfmal so vielen Aktiven“, ereifert sich Werner Asmus immer noch. Vier Jahre habe er um eine gerechtere Lösung gerungen, dann war Schluss. Nach Abstimmung in der Gemeindevertretung habe er den Plan zum Austritt bei der Feuerwehr vorgestellt. „Hätte auch nur ein Einziger dagegen gestimmt, hätte ich es nicht gemacht.“ Aber es gab keine Gegenstimme. Und ein Jahr später hatte die Wallsbüller Wehr ein neues Fahrzeug.

Eigene Wege zu gehen, ist in Wallsbüll gängige Praxis. Dem Breitband-Zweckverband ist die Gemeinde nicht beigetreten („Das machen wir selbst“), aus dem Schulverband ausgetreten – insgesamt zählt der Bürgermeister zwölf Gelegenheiten auf, in denen die Gemeinde aus amts-üblichen Verfahren ausgebrochen ist. „Wir erlauben uns, selbst zu denken“, sagt er selbstbewusst.

Diese Haltung ist umstritten: Kreispräsident Ulrich Brüggemeier lobte Asmus bei dessen 30-jährigem Amtsjubiläum für seine Geradlinigkeit, Kritiker bemängeln fehlende Solidarität.

Bundesweit bekannt wurde Werner Asmus als Sprecher der „Bürgerinitiative gegen ein CO2-Endlager“. Mit Unterstützung der Bundesregierung plante der Energieriese RWE, Wallsbüll und Umgebung zu „unterkellern“ und dort bis zu 100 Millionen Tonnen des Klimakillers Kohlendioxid einzulagern. Der Aufstand war gewaltig, entschlossen, unkonventionell und letztlich auch erfolgreich. Der mächtige Gegner wurde mit unkonventionellen Methoden in die Knie gezwungen. „Ich habe damals den Pfad der Demokratie kurzfristig verlassen“, gibt Asmus im Nachhinein zu. Damals entschied eine kleine Gruppe alle Maßnahmen, nichts gelangte an die Öffentlichkeit, ohne die Zustimmung von Werner Asmus. Ein Erfolgsrezept. Der Widerstand war intensiv, aber kurz. Ein halbes Jahr lang kämpfte die Initiative 2009 – dann war es geschafft. „Viel länger hätte es auch nicht dauern dürfen“, weiß Werner Asmus, „dann wäre unsere Initiative wegen ihrer ungewöhnlichen Konstruktion wohl implodiert.“ Werner Asmus wurde für sein Engagement von den Lesern des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags zum „Menschen des Jahres 2009“ gewählt.

Und womit beschäftigt er sich, wenn er im Mai das Bürgermeisteramt abgibt? „Ich habe genug mit der Vermietung meiner Wohnungen zu tun, mit meinem Wald, in dem ich die Traubenkirsche bekämpfen muss, und stundenlang auf dem Hochsitz verbringen kann. Ich werde mit meiner Frau der Sonne hinterherreisen und nicht mehr ständig mein Smartphone im Blick haben.“

Ob er auch seine berühmt-berüchtigten Kontrollfahrten durch die Gemeinde einstellen kann – das will Werner Asmus allerdings nicht versprechen.

Flensburger Tageblatt 09. Januar 2018 / Gero Trittmaack

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